Freitag, 19. Oktober 2018
21. Mai 2018 um 05:05 Uhr von Interview: Werner Herpell, dpa

Musik-News : Thomas Quasthoff: «Ich hatte eine verletzte Seele»

Berlin (dpa) Sein Abschied von der klassischen Musik schockte 2012 viele Fans. Heute sagt der hochdekorierte Bassbariton-Sänger Thomas Quasthoff, der freiwillige Verzicht sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Er konzentriert sich nun auf ein anderes Musikgenre.
Nach schweren Zeiten: Thomas Quasthoff ist wieder glücklich. Foto: Sony Music/Gregor Hohenberg

Nach schweren Zeiten: Thomas Quasthoff ist wieder glücklich. Foto: Sony Music/Gregor Hohenberg

Nach seinem Rückzug von der klassischen Musik vor sechs Jahren kehrt der Sänger Thomas Quasthoff mit einer neuen Jazz-Platte zurück. «Nice 'n' Easy» ist ein Bigband-Album mit seinem bewährten Trio Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug).

Die Deutsche Presse-Agentur in Berlin sprach mit Quasthoff (58) über seinen für viele überraschenden Abschied von der Klassik-Szene und seine langjährige Jazz-Begeisterung.

Frage: Viele Ihrer Fans werden sich freuen, dass Sie nun wieder Musik veröffentlichen - ein neues Jazz-Album. Kommt danach vielleicht auch ein Comeback als klassischer Sänger?

Antwort: Nein, für die Klassik bin ich verloren, das ist durch. Wenn man zurücktritt, ist es besser und konsequenter, dabei zu bleiben. Ich hatte in meinem Leben als klassischer Sänger schon so große Höhepunkte, war etliche Male für den Grammy nominiert und habe drei gewonnen. Letztendlich war die Entscheidung, mit der Klassik aufzuhören, genau richtig - die beste in meinem Leben.

Frage: Aber dem Jazz bleiben Sie jetzt treu?

Antwort: Mit Jazz ist es etwas Anderes. Da kann ich die Tonarten so wählen, dass es für mich total bequem und angenehm ist, zu singen. Also das werde ich sicher noch ein paar Jahre machen. Ich habe große Lust darauf. Mal gucken - wenn die Stimme mitspielt. Mit 70 werde ich aber sicher nicht mehr auf der Bühne stehen.

Frage: Sie haben «Nice 'n' Easy» Ihrem 2010 gestorbenen Bruder Michael gewidmet. War sein Tod der Grund für Ihren Rückzug?

Antwort: Schauen Sie, wenn der Ihnen am nächsten stehende Mensch stirbt, dann ist das so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Damals kam einfach zu viel zusammen. Meine Mutter war ein knappes dreiviertel Jahr vorher gestorben, ich durchlebte eine Ehekrise, und dann starb auch noch mein Bruder. Sowas steckt man nicht ohne Weiteres weg. Das hat mich zwei Jahre gesundheitlich, psychisch vor allem, sehr negativ beeinflusst. Zum Glück ist meine Frau seit Jahren wieder bei mir, ich führe eine tolle Ehe und bin sehr froh darüber.

Frage: Ihnen blieb damals buchstäblich die Stimme weg. Was ist passiert?

Antwort: Ich hatte jedenfalls keine Kehlkopferkrankung. Keine Ahnung, wer das lanciert hat. Nein, ich konnte durch den Tod meines Bruders einfach nicht mehr singen. Meine Stimmbänder waren in Ordnung. Ich bin von einem HNO-Arzt zum nächsten gerannt, aber da war nichts. Es war eine Kopfsache. Ich hatte eine verletzte Seele.

Frage: Was reizt Sie so daran, nun mit Jazz-Gesang zurückzukehren?

Antwort: Sicher nicht das Geld. Selbst wenn jetzt jemand kommt und sagt: Der Quasthoff hat wohl Geldsorgen - Quatsch, so viel verdient man mit Jazz-CDs nicht. Nein, ich tue das, weil es mir Spaß macht. Ich muss doch niemandem mehr etwas beweisen. Mit meinen drei Jungs zu spielen ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.

Frage: Treten Sie mit Ihrer Band auch wieder live auf?

Antwort: Ja, denn durch Konzerte verdient man in dem Business sein Geld. Wie gesagt: Im Jazz wird kein Mensch allein mit CD-Verkäufen Millionär, kein Gregory Porter, kein Till Brönner. Live zu spielen macht mir so viel Freude. Zwischen uns vieren passiert im Konzert wirklich etwas Besonderes. Und die Leute kommen ja auch so zahlreich dahin, weil der Thomas Quasthoff eine Marke ist. Nicht, weil sie einen Mann mit sieben Fingern sehen wollen, der 1,35 Meter groß ist.

Frage: Ihren selbstironischen Humor haben Sie also nicht verloren?

Antwort: Ach wissen Sie, wenn Sie 58 Jahre mit einer Schwerstbehinderung leben und keinen Humor haben, dann haben Sie etwas falsch gemacht in Ihrem Leben.

ZUR PERSON: Der Bassbariton Thomas Quasthoff gilt als einer der weltbesten klassischen Sänger. Er wurde 1959 in Hildesheim (Niedersachsen) mit einer schweren Contergan-Schädigung geboren. Quasthoff erhielt dank intensiver Förderung durch seine Familie die Möglichkeit, sein Talent voll zu entfalten. Nach zahlreichen großen Auszeichnungen für seine Klassik-Leistungen nimmt Quasthoff seit 2007 auch Jazz-, Soul- und Popsongs auf. Er ist Professor an der Berliner Hochschule für Musik «Hanns Eisler» und lebt mit seiner Ehefrau und einer Tochter im Südwesten der Hauptstadt.


Das könnte Sie auch interessieren
Noch immer schwungvoll: Mark Hamilton (l-r), Tim Wheeler und Rick McMurray. Foto: Alex John Beck/Pias Recordings

:Punkpop für den Baggersee: Ash verbreiten gute Laune

Berlin (dpa) Groß verändert haben sich Ash im Laufe von gut 20 Bandjahren nicht - dafür ist ihr Gitarrenrock-Sound bis heute erstaunlich frisch geblieben. Auch auf dem neuen Album gibt es herrlich melodische Punkpop-Hymnen für den Baggersee. mehr...

Die Klassik ist Geschichte, der Jazz lebt: Thomas Quasthoff. Foto: Sony Music/Gregor Hohenberg

:Thomas Quasthoff: Comeback mit Bigband-Jazz

Berlin (dpa) Seine «verletzte Seele» ließ den großen Sänger Thomas Quasthoff vor einigen Jahren zeitweise verstummen. Nach Live-Auftritten kehrt er nun mit einem neuen Album zurück. mehr...

Voller Inspiration: Brad Mehldau. Foto: David Bazemore

:Brad Mehldau zelebriert Piano-Jazz ganz ohne Grenzen

Berlin (dpa) Solo oder im Trio, von Bach bis Brian Wilson: Innerhalb weniger Wochen beweist der zurzeit wohl weltbeste Jazz-Pianist Brad Mehldau gleich zweimal, dass seine Kunst keine Grenzen mehr kennt. mehr...

Die Backstreet Boys während eines Auftritts im Jahr 2014. Ihr neuer Song kommt bei den Fans gut an. Foto: Malte Christians

:Fans feiern neues Backstreet-Boys-Lied

Los Angeles (dpa) Nach fünf Jahren Pause können sich ihre Fans freuen: Die Backstreet Boys haben ein neues Lied veröffentlicht. mehr...

Paul Kalkbrenner gibt auf der Bühne alles. Foto: Sony Music Entertainment Germany GmbH

:Paul Kalkbrenner will noch im Rollstuhl auf die Bühne

Berlin (dpa) Der Techno-Musiker ist zwar erst 40, denkt aber bereits über das Alter nach. Für ihn steht fest, noch sehr lange auf die Bühne zu wollen. mehr...

Aktionen und Events
Foto: Dortmund Tourismus

2 mal 45:Mit Antenne Unna zum BVB

Es geht wieder los: Wir schicken Euch mit VIP-Tickets zu den Heimspielen des BVB. Jetzt bewerben und mitspielen! mehr...

Promotion

Anzeige
Mediathek
Wetter für Unna
ANZEIGE
Blitzerhotline

Sie haben einen Blitzer im Kreis Unna entdeckt? Dann melden Sie sich bei uns. Die folgende Nummer erreichen Sie kostenlos aus dem deutschen Festnetz.

0800 / 5 777 988
Fotostrecken
Facebook