Computer : Feature: Blackberry in Nöten

Von Peter Zschunke, dpa am 29. Juni 2012 um 12:54 Uhr

Berlin (dpa) Die Erwartungen der Software-Entwickler sind hoch. Rund 300 sind gekommen zum «Blackberry 10 Jam» in Berlin, einer von mehr als 20 Veranstaltungen einer Welttournee, auf der das kanadische Unternehmen RIM sein BB10, ein völlig neues Betriebssystem für den Blackberry vorstellt.

Dieses werde «in den kommenden Monaten gestartet», versichern die RIM-Manager den Programmierern. Wenige Stunden später aber wird BB10 auf das erste Quartal 2013 verschoben. Grund sind die Quartalszahlen von RIM: 518 Millionen Dollar Verlust, Umsatzrückgang um 43 Prozent auf 2,8 Milliarden Dollar. Das Unternehmen zieht die Notbremse. 5000 der 16 500 Arbeitsplätze sollen als Teil einer Umstrukturierung gestrichen werden, um bis zum Ende des Finanzjahrs im Februar 2013 eine Milliarde Dollar an Kosten zu sparen.

Inwieweit auch Mitarbeiter in Deutschland betroffen sein werden, ist noch nicht klar. Für die Blackberrry-Plattform arbeiten hier 400 Menschen, darunter allein 300 im Entwicklungszentrum in Bochum, dem einstigen Nokia-Standort.

«Alle großen IT-Unternehmen mussten einmal durch ein großes Tal gehen, jetzt sind wir dran», sagt RIM-Manager Sascha Lekic, verantwortlich für das Enterprise-Geschäft in Deutschland, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Wir werden da herauskommen. Die Kunden geben uns Zuversicht, die Netzbetreiber geben uns Zuversicht.»

Noch vor einigen Jahren war Blackberry - das erste Gerät kam 2003 auf den Markt - der große Star im Geschäft mit dem mobilen Internet. Die Handys mit der vollständigen Tastatur und die besondere E-Mail-Server-Technik mit dem Direktversand (Push) der Mails machten Blackberry zum Statussymbol der Geschäftswelt. Inzwischen sind die Modelle längst für breite Käuferschichten erschwinglich geworden, und die meisten Manager greifen lieber zum iPhone von Apple.

Zwei Zugpferde sollen die Blackberry-Company aus dem Tal ziehen. Das jetzt auf Anfang 2013 verschobene BB10 beruht auf einer völlig neuen Technik, dem Betriebssystem QNX anstelle der bisherigen Java-Plattform. Es bietet eine neuartige Gestensteuerung auch bei der Texteingabe, eine enge Integration Sozialer Netzwerke und Multitasking, also die gleichzeitige Nutzung mehrerer Programme. Teilnehmer der Entwicklerkonferenz in Berlin erhielten bereits einen Prototyp eines Smartphones mit BB10, um ihre Anwendungen auf diesem «Dev Alpha» zu testen.

Der zweite Hoffnungsträger sind Enterprise-Lösungen wie die gerade eben in Deutschland eingeführte Plattform Mobile Fusion zur sicheren Verwaltung mobiler Geräte im Unternehmen - auch solche anderer Hersteller wie das iPhone oder Handys mit dem Google-System Android. Bei solchen Lösungen gibt es eine große Nachfrage; einer der ersten Kunden in Deutschland ist nach Angaben Lekics eine große Fluggesellschaft.

Unter dem Druck der schwierigen Finanzlage wird über Krisenszenarien spekuliert wie einen Verkauf des Smartphone-Geschäfts und die Konzentration auf Software-Lösungen. Man müsse immer prüfen, ob es Optimierungen in der Lieferkette gebe, antwortet Lekic auf die Frage, ob RIM auch ohne eigene Smartphone-Produktion vorstellbar sei.

Einen Ausweg, wie ihn Nokia 2011 mit der Partnerschaft mit Microsoft und der Konzentration auf Windows Phone gewählt hat, scheint kaum vorstellbar. Alle im Unternehmen seien auf BB10 fokussiert, sagt Firmensprecher Carsten Titt. «Wir geben volle Power in die Entwicklung von Software und Hardware, weil wir einfach an dieses Produkt glauben und auch die Netzbetreiber daran glauben.»

Eine akute Zwangslage gibt es für den deutschen Vorstandschef Thorsten Heins im fernen Waterloo nicht. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben schuldenfrei, hat 2,2 Milliarden Dollar auf der Bank und eine Kreditlinie von einer halben Milliarde. Auch deswegen ist Lekic zuversichtlich: «Jetzt einen Abgesang auf RIM zu singen, ist viel zu früh.»

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