Formel1 : Viele Verlierer nach Bahrain-Desaster der Formel 1

Von Christian Hollmann, dpa am 22. April 2012 um 12:52 Uhr

Sakhir (dpa) Nach einem der umstrittensten Rennen ihrer Geschichte und einem riesigen PR-Desaster muss sich die Formel 1 bohrenden Fragen nach dem Ausmaß des Schadens stellen.
Am Rennkurs ist nichts von Unruhen zu bemerken. Bernie Ecclestone (2.v.r.) posiert mit Zuschauern. Foto: Srdjan Suki

Am Rennkurs ist nichts von Unruhen zu bemerken. Bernie Ecclestone (2.v.r.) posiert mit Zuschauern. Foto: Srdjan Suki

Aus der Kontroverse um den Auftritt im von Unruhen erschütterten Bahrain dürften fast alle Beteiligten als Verlierer hervorgehen. «Wir müssen uns hinsetzen und daraus unsere Schlüsse ziehen», sagte Mercedes-Teamchef Ross Brawn mit ernster Miene im Fahrerlager von Sakhir. Weltverbandschef Jean Todt aber verkündete ungerührt: «Die Formel 1 ist eine starke Marke, alle Teams sind glücklich.»

Die erste Bilanz fällt jedoch rabenschwarz aus. FIA-Boss Todt und Chefvermarkter Bernie Ecclestone festigten mit dem sturen Festhalten am Wüstenrennen und der Maxime «Nur Sport, keine Politik» ihr Negativ-Image. Bahrains Monarchen zeigten der Welt mit dem knallharten Vorgehen gegen Demonstranten auch während des Grand Prix das hässliche Gesicht des gespaltenen Landes.

Fahrer und Teams konnten sich nicht zu klaren Stellungnahmen durchringen und mussten sich als unsensibel und ignorant kritisieren lassen. «Das ist eine der schwärzesten Stunden in der Formel 1», befand die britische Sonntagszeitung «Observer».

Offen ist noch, ob die kurzzeitig breite Aufmerksamkeit für die Proteste zumindest der unterdrückten schiitischen Bevölkerungsmehrheit in Bahrain bei ihrem Kampf für Reformen hilft. Nicht wenige der Oppositionellen fürchten das Gegenteil. «Wenn die Formel 1 weg ist, werden die Repressionen weitergehen, die Welt wird nur nichts mehr davon hören», sagte Protestführer Nabeel Rajab.

In den Ohren der verfolgten Demonstranten mussten die Worte des Verbandsführers Todt wie Hohn wirken. «Wir wissen, dass Proteste negative Folgen haben können», sagte der Franzose am Rand der Formel-1-Strecke und verglich die Auseinandersetzungen mit Fußball-Krawallen in Europa. Kurz zuvor war bekanntgeworden, dass nach erneuten Protesten in der Hauptstadt Manama ein Toter gefunden worden war. «Wir müssen uns da raushalten. Das ist eine Sportveranstaltung», bekräftigte Todt dennoch.

Die Taktik von Todt und Ecclestone wirkte indes durchschaubar. Die Delegierten aus Bahrain und der arabischen Welt gelten als einflussreiche Verbündete Todts in der FIA-Spitze. Dazu kommt der Faktor Geld. Angeblich 30 Millionen Euro Antrittsgage ließ sich Bahrain das Rennen kosten - zur Hälfte zahlbar an die Teams, der Rest für Ecclestones Arbeitgeber CVC. «Die Formel 1 sollte die Sportwelt an die Risiken erinnern, wenn man sich an den Höchstbietenden verkauft, egal wer es ist», mahnte «The Independent on Sunday».

Die drängende Frage ist nun, ob die Verantwortlichen der Rennserie aus der Blamage wirklich Lehren ziehen - und wenn ja, welche. Bis 2016 gilt Ecclestones Vertrag mit Bahrain noch. Kommt die Formel 1 also auch im nächsten Jahr wieder ins Königreich? Dazu äußerte sich in der Geröllwüste von Sakhir in diesen Tagen niemand.

Das Schweigen der Stars machte die Tochter eines inhaftierten Oppositionellen wütend. «Ich hoffe, dass diese Fahrer, die nicht über die Geschehnisse sprechen wollen, eines Tages ihre Meinung ändern. Wenn nicht, werden sie ihre Kinder vielleicht fragen, warum sie in einem Land ein Rennen gefahren sind, in dem die Herrschenden so viele Leute verhaften und foltern», sagte Zainab Al-Khawaja.

Ihr Vater, der dänisch-bahrainische Menschenrechtsaktivist Abdulhadi Al-Khawaja, ist seit dem 8. Februar im Hungerstreik. Er war nach den blutigen Unruhen in Bahrain im Vorjahr verhaftet und von einem Sondergericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Für die Wochen nach dem Grand-Prix-Spektakel hat Bahrains Justiz die nächste Welle der Prozesse gegen Oppositionelle angesetzt.

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