Donnerstag, 27. April 2017
21. April 2017 um 06:33 Uhr

Nach BVB-Anschlag: Tatverdächtiger festgenommen - Gier soll Motiv sein

Dortmund (AU) Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund hat die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen. Das haben Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft bestätigt.
Der Bus von Borussia Dortmund wurde angegriffen. Foto: Bernd Thissen

Der Bus von Borussia Dortmund wurde angegriffen. Foto: Bernd Thissen

Der Mann wurde am frühen Freitagmorgen durch ein Spezialeinsatzkommando festgenommen. Der 28-Jährige Deutsch-Russe aus Baden-Württemberg aus der Nähe von Tübingen ist wohl kein Extremist, sondern hat aus Geldgier gehandelt. Er soll auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie spekuliert haben. Der Mann wollte mit den Bomben möglichst viele Teammitglieder von Borussia Dortmund töten oder verletzen, um den Kurs der BVB-Aktie zu stürzen und mit sogenannten Put-Optionen ein Vermögen zu verdienen. Dafür hat der Verdächtige vor kurzem offenbar einen Kredit in Höhe von mehreren zehntausend Euro aufgenommen.

Der Beschuldigte hatte offenbar keine Bezüge in die islamistische Szene und versuchte daher bewusst, mit den Bekennerschreiben, die am Tatort gefunden wurden, eine falsche Fährte in Richtung "Islamischer Staat" (IS) zu legen.

Der Mann hat sich zur Tatzeit im BVB-Mannschaftshotel aufgehalten und soll per Funk die drei Sprengsätze ausgelöst haben. Bei der Buchung des Zimmers im März soll der Beschuldigte einen Raum mit Blick auf den späteren Anschlagsort verlangt haben. Die Bomben waren aber falsch platziert und lösten deshalb nicht den beabsichtigten Schaden aus. 

Nach den Informationen der «Bild»-Zeitung und der dpa wurde der 28 Jahre alte Tatverdächtige seit dem 13.
April - zwei Tage nach dem Rohrbombenanschlag auf den BVB-Bus mit zwei Verletzten - per Haftbefehl wegen 20-fachen versuchten Mordes und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion gesucht.

Laut Ermittlungen hat der Verdächtige noch direkt vom BVB-Mannschaftshotel aus online ein Aktienpaket von 15 000 Optionsscheinen für 78 000 Euro gekauft. Mitarbeiter der betreffenden Bank hätten der Polizei eine Verdachtsanzeige gegen den Mann wegen Geldwäsche übermittelt, weil ihnen der Kauf verdächtig erschien. Im Falle eines deutlichen Kursverlustes der BVB-Aktie hätte der Verdächtige einen Millionengewinn mit den Aktienoptionen machen können.

Der nach dem Angriff auf den BVB-Mannschaftsbus gefasste Tatverdächtige kennt sich nach Informationen von «Bild.de» bestens im Bereich Elektrotechnik aus. Die Ermittler gingen davon aus, dass der 28-Jährige in der Lage sei, eine professionelle Bombe und eine simultane Fernzündung zu bauen, berichtete das Internetportal am Freitag. Der von der Bundesanwaltschaft als Sergej W. benannte Verdächtige solle im Juli
2015 einen Schulpreis im Bereich Elektronik und Betriebstechnik gewonnen haben.

Nach der Festnahme im Fall des Sprengstoffanschlags auf den BVB-Mannschaftsbus sucht die Polizei laut «Bild.de» nach zwei Komplizen des 28-Jährigen. Die beiden sollen den Angaben zufolge einen Leihwagen in Freudenstadt abgeholt haben - in dem dann möglicherweise die Sprengsätze nach Dortmund gebracht worden seien. Nach dpa-Informationen wohnt der Verdächtige in Freudenstadt. Eine Polizeisprecherin bestätigte der dpa, dass es am Freitagmorgen Einsätze in den baden-württembergischen Städten Tübingen und Rottenburg am Neckar gab. Von möglichen Komplizen war aber zunächst nicht die Rede.
 

Reaktion von Bundesinnenminister Thomas de Maizière:

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht die Festnahme eines Tatverdächtigen nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund als Erfolg. De Maizière dankte am Freitag allen beteiligten Polizisten und mahnte: «Jetzt geht es darum, Beweise zu sichern und mögliche Hintergründe aufzuklären.» Zum möglichen Motiv, wonach der mutmaßliche Täter wohl auf einen durch den Anschlag verursachten Kursverlust der BVB-Aktie gesetzt haben soll, um dadurch einen
Millionengewinn einstreichen zu können, erklärte der Minister: «Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein besonders widerwärtiges Tatmotiv.»

Reaktion von NRW-Innenminisetr Ralf Jäger:

 "Die Festnahme ist eine gute Nachricht für den Fußball. Bei dem Anschlag ist nur wie durch ein Wunder kein Mensch getötet worden",  sagte Innenminister Ralf Jäger. Die Festnahme zeige zudem, wie wichtig es sei, in alle Richtungen zu ermitteln. "Das mutmaßliche Motiv ist verwerflich", erklärte Jäger. "Der Mann wollte offenbar aus Habgier morden."

Statements von Borussia Dortmund:

Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund hofft nach der Festnahme eines Tatverdächtigen im Fall des Anschlags auf den Mannschaftsbus auf schnelle Aufklärung. «Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamts und der nordrhein-westfälischen Polizei wurden sehr intensiv und mit Hochdruck geführt. Dafür bedanken wir uns in aller Form und hoffen, dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag auf unsere Spieler und Staff-Mitglieder gefasst werden konnte», werden Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Präsident Dr. Reinhard Rauball in einer BVB-Mitteilung zitiert.

Ähnlich wie die Führungskräfte reagierten die Profis mit Erleichterung auf die Nachrichten von ersten Ermittlungserfolgen. «Für alle, die im Bus saßen, wären diese Informationen wichtig, denn sie würden den Verarbeitungsprozess deutlich erleichtern», sagte BVB-Kapitän Marcel Schmelzer am Freitag.  

Der Verein bedankte sich bei all «den unzähligen Menschen, die uns in vergangenen zehn Tagen durch Worte und Taten unterstützt haben». «Der überwältigende Zuspruch hat uns viel Kraft gegeben», sagte Watzke. 

Kurz nach der Abfahrt der Mannschaft vom Hotel zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco am 11. April in Dortmund hatte es drei Detonationen neben dem Teambus gegeben. Dabei waren Profi Marc Bartra und ein Polizist verletzt worden. Die Partie wurde deshalb um einen Tag verschoben.

Reaktion des Dortmunder Polizeipräsidenten:

Der Dortmunder Polizeipräsident, Gregor Lange, zeigte sich heute Morgen nach Bekanntwerden der Festnahme eines Tatverdächtigen erleichtert: "Ich bin froh darüber, dass die intensiven Ermittlungen  der vergangenen Tage so schnell zu einem Festnahmeerfolg geführt haben. Ich danke dem BKA, dem GBA und allen beteiligten Ermittlern und Einsatzkräften des Bundes und der Länder. Ihnen ist es mit hohem  Engagement und Professionalität gelungen, zeitnah und beweissicher  einen Tatverdächtigen zu ermitteln und die Festnahme durchzuführen.

Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die von dem Täter ausgehende Gefahr für die Mannschaft des BVB jetzt gebannt ist. Mit der Aufklärung dieser abscheulichen Tat tragen wir hoffentlich auch zur Beruhigung aller Betroffenen, insbesondere aber unseres verletzten Kollegen, der Mannschaft des BVB und der direkten Anwohner bei. Wir wünschen ihnen auf diesem Wege alles Gute."

Rückblickend äußerte sich der Polizeipräsident: "Dieser Anschlag hat gezeigt, dass die Polizei in jeder Lage handlungsfähig ist. Auch für die hervorragende und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Borussia Dortmund kann  ich mich an dieser Stelle nur bedanken. Sie hat sich  mehr als bewährt und ich kann sie nur ausdrücklich loben."

Die Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft von heute Morgen:

21.04.2017 - 37/2017

Festnahme wegen des Anschlags vom 11. April 2017 auf den Mannschaftsbus des Fußballvereins Borussia Dortmund Erklärung der Bundesanwaltschaft zum Stand der Ermittlungen heute um 12.30 Uhr

Die Bundesanwaltschaft hat heute (21. April 2017) den 28- jährigen deutschen und russischen Staatsangehörigen Sergej W. durch Beamte der GSG 9 der Bundespolizei im Raum Tübingen vorläufig festnehmen lassen. Der Beschuldigte steht in dem Verdacht, am 11. April 2017 den Anschlag auf den Mannschaftsbus des Fußballvereins Borussia Dortmund verübt zu haben. Ihm wird daher versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt.

Insgesamt sind an den Ermittlungen mehrere hundert Beamte des Bundeskriminalamtes sowie der nordrhein-westfälischen und der baden-württembergischen Polizei beteiligt.

Die Pressestelle wird heute um 12.30 Uhr über den aktuellen Stand der Ermittlungen informieren. Zu diesem Zweck wird die Pressesprecherin der Bundesanwaltschaft eine Erklärung vor Medienvertretern abgeben.

Zum gegenwärtigen Stand der Ermittlungen kann Folgendes mitgeteilt werden:

1. Der Beschuldigte erwarb am 11. April 2017 15.000 Verkaufsoptionen (sogenannte Put-Optionen) in Bezug auf die Aktie von Borussia Dortmund. Die Papiere haben eine Laufzeit bis zum 17. Juni 2017. Der Kauf der Optionen erfolgte über die IP-Adresse des Hotels L’Arrivée. Die Optionsscheine finanzierte Sergej. W über einen am 3. April 2017 aufgenommenen Verbraucherkredit.

Der Käufer von sogenannten Put-Optionen spekuliert auf fallende Kurse. Put-Optionen berechtigen ihren Inhaber, innerhalb eines bestimmten Zeitraums hier: bis zum 17. Juni 2017 eine festgelegte Menge hier: 15.000 Stück eines bestimmten Wertpapieres hier: die Aktie von Borussia Dortmund zu einem im Voraus festgelegten Preis zu verkaufen. Die Höhe des Gewinns hängt von der Höhe des Kursverlustes ab. Bei einem massiven Verfall der Aktie von Borussia Dortmund hätte hier der Gewinn nach vorläufigen Berechnungen ein Vielfaches des Einsatzes betragen. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn in Folge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären.

2. Der Beschuldigte war wie die Mannschaft von Borussia Dortmund auch Gast des Hotels L’Arrivée. Er hatte dort bereits am 9. April 2017 ein Zimmer im Dachgeschoss des Hotels mit Blick auf den späteren Anschlagsort bezogen.

Der Beschuldigte hatte bereits Mitte März ein Zimmer für den Zeitraum vom 9. bis 13. April 2017 sowie für den Zeitraum vom 16. bis 20. April 2017 gebucht. Die Termine umfassten beide Begegnungen der Champions League zwischen Borussia Dortmund und AS Monaco. Zum Zeitpunkt der Buchung stand allerdings noch nicht fest, an welchem der beiden Termine das Heimspiel in Dortmund stattfinden wird.

3. Die drei Sprengsätze waren über eine Länge von 12 Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Sprengwirkung der Sprengsätze war auf den Bus ausgerichtet. Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet. Der vordere und der hintere Sprengsatz waren in Bodennähe platziert. Der Mittlere befand sich in einer Höhe von etwa einem Meter. Damit war er zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können. Die Sprengsätze waren mit Metallstiften bestückt. Die Metallstifte sind etwa 70 mm lang, haben einen Durchmesser von 6 mm und ein Gewicht von etwa 15 g. Ein Metallstift wurde noch in einer Entfernung von 250 Meter aufgefunden. Die Zündung erfolgte nach derzeitigem Erkenntnisstand für jeden Sprengsatz separat über eine funkausgelöste elektrische Schaltung. Zur Art des verwendeten Sprengstoffs liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

4. Der Mannschaftsbus war nicht mit Panzer-, sondern mit Sicherheitsglas ausgestattet. Zum Anschlagszeitpunkt hatte er etwa eine Geschwindigkeit von etwa 23km/h. Der Bus weist Schäden im vorderen und hinteren Bereich auf. Unter anderem sind mehrere Fensterscheiben zerborsten. In der Kopfstütze des zweiten Sitzes in der hinteren Reihe wurde einer der in den Sprengsätzen verbauten Metallstifte aufgefunden.

5. Am Tatort wurden drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden. Eines der Schreiben war an einem der in der Hecke eingelassenen Pfosten angebracht. Die beiden weiteren Schreiben waren in der Hecke platziert. An den Schreiben waren keine Finger- oder Griffspuren feststellbar. In den Schreiben wird ein radikal-islamistisches Motiv für den Anschlag behauptet. Die Bekennung wurde islamwissenschaftlich geprüft. Danach bestehen an einem radikal-islamistischen Ursprung erhebliche Zweifel.

6. Am 13. April 2017 ging beim Tagesspiegel und bei WELT/N24 ein rechtsextremistisches Bekennerschreiben ein. Das Schreiben weist Widersprüche und Ungereimtheiten auf. Es deutet derzeit nichts daraufhin, dass es vom Täter stammt.


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