Ladies first - daher (aber auch wegen der herausragenden Qualität ihrer neuen Platte) zunächst die Empfehlung, einer großen alten Dame der Soulmusik gut zuzuhören. Bettye Lavette - inzwischen 66 Jahre alt und schon seit rund fünf Dekaden in der Szene unterwegs - hatte erst vor sieben Jahren mit «I Got My Own Hell To Raise» ein spätes Comeback erlebt und 2010 britische Rock-Klassiker auf ihre ganz eigene Weise interpretiert.
Jetzt erweist sie sich auf dem Ende September erschienenen Album «Thankful 'n' Thoughtful» (Anti/Indigo) erneut als meisterhafte Sängerin von Cover-Versionen.
Mit ihrem vom Leben zerfurchten, rauen, nach wie vor höchst eindrucksvollen Gospelgesang und unterstützt von einer tollen Band haucht LaVette Songs von Neil Young, Bob Dylan, Tom Waits oder The Black Keys neues Leben ein. Wie vor zwei Jahren die große Mavis Staples mit ihrem modernen Spiritual-Album, so lässt auch diese Soul-Dame aus dem US-Staat Michigan viele junge R&B-Hüpfer mit ihren dünnen Stimmchen alt aussehen. «Thankful...» klingt wie das selbstbewusste Statement einer Künstlerin, die im reifen Alter noch einmal zur Höchstform abläuft - und das auch weiß.
Kaum weniger überraschend ist die Rückkehr von Larry Graham, dem Erfinder der Slap-Technik - also dieses knallenden Funk-Bass-Sounds, der in den 60er und 70er Jahren so einflussreich für die schwarze Musik wurde. Mit «Raise Up» (Moosicus/Indigo) liefern der 66-Jährige und seine Band Graham Central Station alles, was sie einst berühmt gemacht hatte: muskulös groovende oder balladeske Songs, bei denen sie unter anderem Neo-Soul-Star Raphael Saadiq und sogar Prince (auf drei Songs) begleiten.
Mit dem Schlagzeug-Intro «GCS Drumline» beginnt eine vor Energie berstende Reise durch die Black-Music-Historie, ohne dass dieses Album nun lediglich retro klingt. Die wuchtigen Bläsersätze der Millfield Horns, Grahams knackiges Bassspiel und die an große Zeiten der Soulmusik erinnernden Melodien sind einfach zeitlos gut. «Die Musik auf diesem Album ist wie eine Live Performance», freute sich der Veteran, dessen letztes Album vor «Raise Up» auch schon wieder 13 Jahre zurücklag. Das Ergebnis ist ein Funk-Highlight, bei dem man nur selten stillsitzen kann.
Weniger lange weg vom Fenster war Maceo Parker, der einstige Saxofon-Sidekick von James Brown. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Parker elf Platten veröffentlicht und legt nun «Soul Classics» (Moosicus/Indigo) vor, eine Produktion mit der WDR Big Band. Wie der Titel schon andeutet, drückt der 69-Jährige großen Songs der Soul- und Funk-Geschichte auch als Sänger seinen Stempel auf, und das mit großem Ensemble im Rücken. «Papa's Got A Brand New Bag» von James Brown macht den Anfang, es folgen Klassiker von Stevie Wonder, Isaac Hayes oder Aretha Franklin.
«Soul Classics» könnte ein gediegenes, etwas langweiliges Alterswerk sein, aber wer das befürchtet, kennt Maceo Parker nicht. Der Mann lässt bei Live-Konzerten bis heute den Schweiß seiner Fans von der Decke tropfen, und so gibt er auch bei diesen Big-Band-Aufnahmen Vollgas. «Je älter ich werde, desto wichtiger ist es für mich, Momente und Projekte auszuwählen, die mir wirklich Spaß machen», sagte er über die Zusammenarbeit mit Big-Band-Chef Michael Abene sowie Christian McBride (Bass) und Cora Coleman-Dunham (Drums). Den Spaß hört man auch dieser neuen Platte jederzeit an.











