«Where Do You Start» (Nonesuch/Warner) versammelt wieder zehn wunderbare Fremdkompositionen, die man bei Mehldau nie als schnöde Nachspielereien, sondern als kongeniale Interpretationen erlebt. Außerdem enthält das mit 78 Minuten bis zum Rand gefüllte Album ein eigenes Stück namens «Jam», in dem Mehldau das vorangegangene «Samba e Amor» weiterspinnt.
Das im Frühjahr erschienene Album «Ode» hatte noch komplett aus Mehldau-Tracks bestanden, die er mit den seit Jahren bewährten virtuosen Trio-Mitstreitern Larry Grenadier (Bass) und Jeff Ballard (Schlagzeig) in selten erlebter Swing-Laune zelebrierte. Aber viel typischer für den 42-Jährigen mit der schier unüberschaubaren Diskografie an Solo-, Ensemble- und Begleitplatten (Wikipedia listet um die 50 Titel) sind tastende, von innen glühende Balladen und ungewöhnliche Cover-Projekte mit starken Bezügen zu Pop und Rock.
Wer Nick Drakes schwermütigen Song «River Man» in der Mehldau-Fassung gehört hat, wird die düstere Schönheit dieses Folk-Meisterwerks noch mehr schätzen - eine musikalische Lesung auf höchstem intellektuellen Niveau. Auch «Black Hole Sun» von den Grunge-Rockern Soundgarden oder mehreren Radiohead-Songs gewann der Amerikaner ganz neue Seiten ab.
Diesmal interpretiert Mehldau neben Standards aus Cool-Jazz (Clifford Brown, Sonny Rollins) und Latin (Chico Buarque, Toninho Horta) etwa Lieder des Indie-Pop-Talents Sufjan Stevens und von Elvis Costello, das von Jimi Hendrix berühmt gemachte «Hey Joe» - und wieder mal Nick Drake. Dessen versonnene Ballade «Time Has Told Me» lässt er achteinhalb Minuten lang in den schönsten Farben des Klavier-Jazz glänzen und schillern. Grandios!
Dies gilt ebenso uneingeschränkt für den Hendrix-Hit, eine schwer groovende Bluesnummer auch unter Mehldaus sensiblen Pianisten-Händen. Mächtig treibend eine weitere Grunge-Interpretation, «Got Me Wrong» von Jerry Cantrell (Alice In Chains). Die Lieder von Stevens und Costello bietet Mehldau als herrlich melancholische Slowsongs an, von ihm selbst äußerst luftig und klanglich brillant produziert.
Was Mehldau aus diesen so unterschiedlichen Originalen macht, wie er sie auseinandernimmt und in seinem eigenen Stil wieder zusammensetzt, wie er die Sensibilität auch weit entfernter Musik aufspürt und ihr dann seinen Stempel aufdrückt, das ist im heutigen Jazz wohl einmalig.
Kaum hoch genug kann man auch die Begleiter Grenadier und Ballard loben, die auf den bis zu zehneinhalbminütigen Tracks reichlich Gelegenheit erhalten, in prägnanten Soli ihr Können zu zeigen. Aber natürlich ist «Where Do You Start» vor allem eine Bühne für die fantastischen pianistischen Fähigkeiten des Bandleaders. Selten hat man den oft zergrübelten, introvertierten Mehldau so lässig und leichthändig erlebt wie in den Sessions zu seinen beiden Trio-Platten dieses Jahres.
Mehr noch als auf «Ode» führt Brad Mehldau sein Genre mit diesem Herbst-Album in neue Höhen. Da fällt es leicht, sich festzulegen: «Where Do You Start» ist das Jazz-Album des Jahres - mindestens.










