Es gibt Musiker, die nicht einmal auf dem künstlerischen Minenfeld der Weihnachtsplatte einen falschen Schritt setzen. Aimee Mann ist so eine. Selbst auf ihrem Jinglebells-Album vor sechs Jahren vermied diese fabelhafte Singer/Songwriterin jeden sentimental-peinlichen Ausrutscher.
Mit ihrem neuen Werk «Charmer» (V2) ist Mann nun wieder auf ihrem ureigensten Feld angelangt: Es geht erneut um die sensible Beschreibung menschlicher Schwächen und Stärken, die kluge Analyse von (Liebes-)Beziehungen normaler Leute - all dies angerichtet zu so schwerelosen wie anspruchsvollen, dennoch jederzeit zugänglichen Folkrock- und Pop-Melodien.
«Ja, ich bin sehr glücklich über das Album», sagt die 52-jährige US-Amerikanerin, die mit einem Bruder des Hollywood-Stars Sean Penn verheiratet ist, im Telefonat mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Solch positive Einschätzungen sind aus Künstlermund eigentlich Routine. Bei einem so kritischen wie auch selbstkritischen Menschen wie Aimee Mann lässt das Bekenntnis zur höchsten Zufriedenheit aber aufhorchen. Und in der Tat bricht sie mit ihrem achten Studioalbum aus einer Reihe eleganter, aber auch etwas genügsamer Platten aus, auf denen sie ihren vor 15 Jahren gefundenen Sound variierte.
«Zum ersten Mal haben mich die frühen 80er Jahre direkt beeinflusst», sagt Mann. «Blondie oder The Cars - dieser Klang von Rockbands mit kühlen Keyboards.» So überraschen schon zum Auftakt die Synthesizer-Fanfaren des Titelsongs. Im Powerpop von «Crazytown» oder «Gamma Ray» tauchen diese leicht zickigen Synthie-Effekte ebenfalls auf. Aber es gibt auch ein zärtliches Duett mit James Mercer von den US-Indierock-Helden The Shins. Und natürlich darf man sich wieder über die im mittleren Tempo dahinrollenden, mit warmer Altstimme gesungenen, typischen Aimee-Mann-Balladen freuen. «Auf jedem meiner Alben gibt es diese melancholischen Lieder», sagt sie. «Ich hoffe also sehr, dass diesmal für jeden Fan etwas dabei ist.»
Ja, diese melancholischen Lieder! Die wohl traurigste ihrer vielen traurigen Balladen sorgte vor zwölf Jahren für Gänsehaut, als das gesamte Schauspieler-Ensemble des Kino-Melodrams «Magnolia» inklusive Tom Cruise abschnittweise Manns Song «Wise Up» sang - einer der ganz wunderbaren Momente der Filmgeschichte. Regisseur Paul Thomas Anderson soll sein bewegendes Drehbuch geschrieben haben, nachdem er ihre brandneuen Lieder gehört hatte, die dann auf der bis heute besten Mann-Platte «Bachelor No. 2» (2000) erschienen. «Ja, so war das wohl», bestätigt sie bescheiden. Zu Hollywood hat Aimee Mann seitdem zwar Kontakt, aber allzu eng wird die Beziehung nicht: «Meinen Schwager Sean sehe ich auch nur an den Feiertagen.»
Nach dem «Magnolia»-Coup vor gut zehn Jahren löste die Sängerin selbstbewusst den Dauerärger mit ihrer Plattenfirma, indem sie ein eigenes Label mit dem bezeichnenden Namen SuperEgo gründete und sich von fremden Entscheidungen über ihre Karriere abkoppelte. «Ich bin so froh, dass ich das damals gemacht habe», sagt Mann heute. «Wenn man sich jetzt den Zusammenbruch des Musikbusiness anschaut - ich war wohl meiner Zeit voraus.»
Auf Hits im klassischen Sinne hatte sie ohnehin immer verzichtet - das wird sich mit «Charmer» kaum ändern. «Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht mehr, wie die Charts heute aussehen.» Manns neue Songs kreisen um die Pole Ausstrahlung und Arroganz. «Ein Charmeur kann sehr unterhaltsam und einnehmend sein, aber eben auch berechnend, narzisstisch, manipulativ - dieses Thema hat mich interessiert.»
Beim Thema Charme kommt man im Gespräch fast zwangsläufig auf Barack Obama - für ihn sang Aimee Mann im Weißen Haus. Jetzt, im US-Wahlkampf, unterstützt die Linksliberale den Präsidenten. Aber natürlich beurteilt eine Intellektuelle wie sie Obamas Leistung auch nicht naiv. «Er hat viel zum Guten verändert. Aber er wollte es anfangs wohl jedem rechtmachen. Und er hat unterschätzt, wieviel Gift ihm hierzulande entgegenspritzt», sagt sie. Man merkt: Auch als Politik-Analytikerin würde Aimee Mann einen guten Job machen. Aber viel schöner sind ihre die menschliche Psyche analysierenden Lieder.
Deutschland-Konzerte von Aimee Mann im Januar 2013: 20.1. Berlin, 21.1. Hamburg, 22.1. Köln











