Und was für eines! Der in Fachkreisen geraunte Begriff «Blasmusi-Platte» trifft auf «Love This Giant» (4AD/Beggars) zwar nicht ganz zu, weil er den Eindruck von tumber Schuhplattelei und Biergaudi-Folklore vermittelt. Aber neben Funk-Grooves, Latin-Jazz-Einflüssen und Indie-Rock haben Byrne (60), Ex-Frontmann der Talking Heads, und die halb so alte Annie Clark alias St. Vincent eben auch gewaltige, überschäumende Blechbläser-Arrangements im Gepäck. Die Band-Credits geben weit über ein Dutzend Menschen an Saxofonen, Trompeten, Waldhörnern, Klarinetten, Posaunen, Tuba und Euphonium her.
Obwohl Byrne und Clark ganz unterschiedliche Herkünfte und Hintergründe haben, kam es für dieses wagemutige Projekt doch zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit. «Bei der Verteilung der Rollen gab es keinerlei Festlegungen», sagt die junge Multi-Instrumentalistin, die sich auf dem Albumcover gänzlich uneitel mit künstlich entstelltem Kinn präsentiert.
Durch eine Reihe starker Alben in den vergangenen Jahren hatte Clark die Aufmerksamkeit des stets mit offenen Ohren durch die Welt laufenden Rock-, Pop- und Weltmusik-Grandseigneurs erregt. Byrne stellte in jüngster Zeit immer wieder in Kooperationen (Bian Eno, Fatboy Slim, Caetano Velose) seine Teamfähigkeit unter Beweis. Und so wirkt auch «Love This Giant» mit seinen aufputschenden, virtuosen Arrangements und den schräg-poppigen Melodien wie das Werk zweier Künstler auf absoluter Augenhöhe.
Das Album wurde innerhalb von zwei Jahren großenteils in einem New Yorker Studio aufgenommen, zehn der zwölf Songs schrieben beide gemeinsam, Lead Vocals und Gesang teilten sie sich ebenfalls geschwisterlich. «Wir gehen beide sehr analytisch an die Musik heran, und wir lieben es, Musik wie ein Puzzle zusammenzusetzen», sagte Byrne dem deutschen «Rolling Stone».
Dabei gelang es ihnen trotz der langen Entstehungszeit und zweier hoch entwickelter Kreativkünstler-Egos, dass die Platte nie wie eine dröge intellektuelle Kopfgeburt wirkt, sondern einfach Riesenspaß macht. Der immer noch herrlich zickige Byrne-Gesang, seine nervösen Gitarrenlicks, Clarks schöne Altstimme (besonders eindrucksvoll in der Ballade «Optimist»), ihre Piano-Spielereien, die Beats von Produzent John Congleton - all das fügt sich zu einem harmonischen Ganzen. Die Bläser-Arrangements sind zwar omnipräsent, aber eben auch nicht so dominant, dass sie den Gehalt der Songs überstrahlen.
Alles in allem ist «Love This Giant» eine Platte, wie man sie nicht allzu oft gehört hat - urbaner, weltoffener, risikobereiter Indie-Pop in Reinkultur. Nur eine schlechte Nachricht gibt es zu vermelden: Eine Tournee des ungewöhnlichen Gespanns mit acht Bläsern soll sich auf Nordamerika beschränken. Schade - den brodelnden Sound etwa von «Weekend In The Dust», «Lazarus» oder »The One Who Broke Your Heart» hätte man allzu gern auch hierzulande live gehört.










