CD-Kritik : «Tempest»: Bob Dylan in Hochform

Von Werner Herpell, dpa am 13. September 2012 um 15:06 Uhr

Berlin (dpa) Fünfzig Jahre nach seinem Debüt setzt Bob Dylan eine Serie großer Alterswerke fort. Das neue Album «Tempest» präsentiert den König der Singer/Songwriter in Hochform. Als wäre er, einem alten Songtitel entsprechend, «Forever Young».
Bob Dylan hat noch immer viel zu erzählen. Foto: Sony Music

Bob Dylan hat noch immer viel zu erzählen. Foto: Sony Music

Ob es Zufall ist, wenn ein betagter Titan wie Bob Dylan sein neues Album «Tempest» nennt? Das erinnert doch stark an «The Tempest» («Der Sturm»), das bekanntlich letzte Großwerk von Dichterfürst William Shakespeare. Als die Neuigkeit von der ganz ähnlich betitelten, etwa 35. Studioplatte des bedeutendsten Rock-Poeten die Runde machte, wurde sogleich geraunt, das sei's dann wohl gewesen - dies könne Dylans Abschiedsalbum sein.

Man hofft, dass es anders kommt: Denn «Tempest» ist, obwohl nicht eine seiner allerbesten, so doch wieder eine sehr starke Platte. Und daran hat man sich bei Dylans Spätwerk dankbar gewöhnt.

Der Verdacht eines Karriere-Endes liegt ja nicht so fern: Stolze 71 ist der Mann, in Ehren ergraut und hutzelig, die Stimme vom oft rabiaten Gebrauch schartig und beißend (obwohl er auf seine Art immer noch toll singen kann). Vor einem halben Jahrhundert brachte Dylan sein Folk-Debüt heraus, viele Triumphe und manche Krisen folgten, alle denkbaren Auszeichnungen bekam er natürlich auch (bis auf den Literaturnobelpreis, für den er wegen seiner Texte Jahr um Jahr als einer der Favoriten gilt). Und erst kürzlich ließ sich ein stoischer Bob Dylan von Präsident Barack Obama die höchste zivile Auszeichnung der USA umhängen, die Freiheitsmedaille.

Aber Robert Allen Zimmerman aus Duluth/Minnesota hat noch einiges mitzuteilen - ob bei der Live-Präsentation seines gewaltigen Werks auf der «Never Ending Tour» rund um die Welt (seit 1988!) oder eben auf Platte. Und so nimmt sich Dylan in den zehn «Tempest»-Songs viel Zeit, um seine Geschichten zu erzählen. Was er da, zur archaischen Folk- und Blues-Musik seiner treuen Tourneeband, an Lebensweisheiten und düsteren Dramen zum besten gibt, dürfte den fanatischen Genie-Kult der unzähligen «Dylanologen» aufs neue anfachen.

Vor allem der Titelsong, der über 14 Minuten und Dutzende Strophen ohne erlösenden Refrain vor sich hin mäandert, wird selbst Experten manche Nuss zu knacken geben. Es geht um die letzten Stunden der «Titanic», und Dylan nimmt sich für seine Schilderung der Jahrhundert-Katastrophe manch' dichterische Freiheit. Auch ein Zeichner namens Leo taucht auf, und wer denkt da nicht an die Kino-Version des Legendenstoffs mit Leonardo DiCaprio? «Ja, Leo», sagte Dylan in einem seiner seltenen Interviews dem US-«Rolling Stone». «Ich denke, das Lied wäre ohne ihn oder den Film nicht dasselbe.» Man dürfe eben nicht erwarten, dass er sich immer an die Fakten halte. «Ein Songwriter kümmert sich nicht um die Wahrheit.»

Auch in der Ballade «Roll On John» nimmt sich Dylan recht eigenwillig einen Mythos vor: John Lennon, jenen Kollegen, den er wohl auf Augenhöhe mit sich selbst vermutet. Zu einer feierlichen Folkrock-Melodie - sie erinnert gewiss nicht zufällig an sein eigenes «Forever Young» - erzählt der Amerikaner von einem Leben, das in Liverpool begann, zur Pop-Revolution der Beatles führte und nach 40 Jahren durch einen Mord in New York endete. Eine anrührendere, beseeltere Würdigung lässt sich kaum denken.

Überhaupt liegt fast schon Gospel-Stimmung über einigen dieser sprachgewaltigen, musikalisch eher schlichten Lieder. Und tatsächlich: «Ich wollte eindeutig religiöse Songs», sagte Dylan dem «Rolling Stone». Und fügte bescheiden hinzu: «Aber es erfordert viel mehr Konzentration - wenn man zehnmal etwas aus demselben Stoff erschaffen will - als das, was bei dieser Platte am Ende herauskam.»

Nun ja: Der charmante Swing von «Duquesne Whistle» ist auch nicht zu verachten. Oder der an Blues-Legende Muddy Waters erinnernde Song «Early Roman Kings». Oder das Liebeslied «Soon After Midnight» im Stil der 50er Jahre. Banjo, Geige und Akkordeon verstärken die klassische Rockband um den herausragenden E-Gitarristen Charlie Sexton. Hin und wieder hat man den Eindruck von Malen nach Zahlen, so vertraut klingt manche Melodie. Aber insgesamt ist «Tempest» ein Dylan-Album, das sich mit den besten seiner Alterswerke - «Time Out Of Mind» (1997) und «Modern Times» (2006) - durchaus messen kann.

Und was die Abschiedsgerüchte betrifft - da muss Dylan doch etwas klarstellen: «Shakespeares letztes Werk hieß ja "The Tempest" - nicht "Tempest" wie meine Platte. Das sind zwei ganz verschiedene Titel.» Man kann sich vorstellen, wie der alte Grantler dabei in sich hineinschmunzelte. Um dann - «forever young» - weiterzumachen.

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