Denn «Spectral Dusk» (Strange Ways/Indigo) bietet über rund 55 Minuten ein intensives, tief bewegendes Hörerlebnis. In getragenen, dicht arrangierten Slowmotion-Folkrock-Liedern, die an die enorm erfolgreichen Kollegen von The National oder Bon Iver erinnern, verarbeitet der kanadische Songwriter Jonas Bonetta den Tod seines Vaters, mit dem er «ganz weit draußen» eine Sägemühle betrieb.
«Der Ansatz für dieses Album war, eine durchgehende, lange Erfahrung für den Hörer zu kreieren und nicht nur eine Handvoll guter Songs», sagt Bonetta. «Freiräume zum Nachdenken zu schaffen, anstatt den Hörer einfach mit elf knackigen Songs zu bombardieren.»
Die intensivste Musik sei jene, die Platz lässt, hat der Mann aus Ontario erkannt. Insofern klingen manchmal auch die ätherischen Spätwerke von Talk Talk in diesen reduzierten Trauer-Weisen an, die Bonetta mit Freunden der Bands The Wooden Sky, Timber Timbre und City & Colour in der Stille des kanadischen Winters einspielte. Es sei ihm und seiner Band um «innere Einkehr» gegangen, um dem großen Thema gerecht zu werden.
Den Tod eines geliebten Menschen auf einem kompletten Album zu verarbeiten - das hatten zuletzt die wunderbare Singer/Songwriterin Sarabeth Tucek («Get Well Soon»/2010) und die Emo-Folk-Band The Antlers («Hospice»/2009) gewagt. Zwei schwermütige, tiefgründige Platten, die trotz ihrer ernsten Thematik beim Hörer eigentümliche Glücksgefühle erzeugten. Auch «Spectral Dusk» gelingt das Kunststück, zu berühren, ohne zu deprimieren.
Vor allem «Asleep In The Pews» mit seinem majestätischen Bläser-Arrangement wirkt lange nach. Aber auch ein impressionistisches, von Streichern dominiertes Instrumental wie «Irving Lake Access Road» fasziniert über die Gesamtstrecke von rund neun Minuten. Bonettas voluminöse Baritonstimme hat etwas zugleich Verwundbares und Tröstliches - mit weiblicher Vocal-Begleitung, Orgel und Lap-Steel-Gitarre wird daraus in «Moon River» (nicht der Fifties-Hit) eine Art Gospel-Folk von selten gehörter Beseeltheit.
Wozu tief empfundene, ehrliche Trauer doch gut sein kann: Mit «Spectral Dusk» ist Jonas Bonetta und seinem Projekt Evening Hymns das vielleicht schönste Moll-Album des Jahres gelungen. Es sollte übrigens angemessen konzentriert und ohne akustische Ablenkung gehört werden - ein erster Selbstversuch bei einer lärmigen U-Bahn-Fahrt in Berlin ging daneben, erst in der Ruhe entfaltete sich die Kraft dieser famosen Folkrock-Platte.
Tourneedaten: 04.09. Dresden, Scheune 05.09 - Berlin, Lido (Berlin Music Week) - 07.09. Erfurt, Franz Mehlhose - 09.09. Köln, Underground - 15.09. Basel, Parterre - 16.09. Luzern, Treibhaus - 17.09. Zürich, El Lokal - 18.09. Freiburg/Breisgau, Swamp - 19.09. Offenbach, Hafen2 - 21.09. Hamburg, Reeperbahnfestival - 25.09. Duisburg, Steinbruch - 26.09. Göttingen, Apex - 27.09. Leipzig, Moritzbastei - 28.09. Wien, B-72 - 29.09. Innsbruck, PMK











