Im Grunde bräuchte man sich auch nur das achte Studio-Album von Archive «With Us Until You're Dead» (Dangervisit Records/ Cooperative Music) auf die Ohren zu legen und schon kann man das große, nie enden wollende Thema Liebe einmal im Ganzen hören. Denn genauso vielschichtig und unberechenbar ist das neue Werk von Archive. «Wir wollten mal wieder etwas völlig anderes machen», sagt Musiker Danny Griffith im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.
Damit könnte das Archive-Urgestein unter anderem gemeint haben, dass das Album im Vergleich zu den Vorgängern mit rund 55 Minuten eher kurz ist, kein Stück ist über sieben Minuten. Epische Längen brauchen die Songs um Liebe, Verwirrung, Konflikte und Verletzungen auch nicht. Die für Archive typischen düsteren, zerstörerischen Beats kommen auf den Punkt, werden zerrissen von Gitarrenriffs, schieben sich vor mit treibenden Drums, die unterbrochen werden von orchestralen elektronischen Klangwänden.
Welch glückliche Fügung, dass Archive als Kollektiv arbeitet und mit Pollard Berrier, Dave Pen, Maria Q und Holly Martin vier so unterschiedliche, großartige Stimmen haben. Jeder reflektiert das Thema auf seine Weise. «Wir wollten ein Album machen, bei dem sich alles um Liebe dreht. Das ist natürlich sehr auf einen Punkt fixiert, aber es ist auch sehr viel persönlicher», sagt Danny Griffith über die Songs. Jeder singt auf dem Album seine eigene Version vom Ver- und Endlieben.
«Wiped Out» ist eines der Schmuckstücke der Platte - der Song hat Sogwirkung. Eine Metamorphose, die sphärisch beginnt, die sich aufschwingt zur Sinfonie und dann gebrochen wird durch den typischen Archive-Elektosound, der verstört, um sich am Schluss tröstlich wieder aufzulösen im Sinfonischen, brillant gesungen von Pollard Berrier. Der Amerikaner ist seit 2006 ein festes Mitglied der Band und nicht mehr wegzudenken.
Mit «Violently», einer der aufwühlendsten Songs auf dem Album, hat sich Archive selbst übertroffen, nicht nur wegen Holly Martin. Das Kollektiv hat die junge Sängerin mit der rauchigen Soulstimme neben Maria Q als zweite Frau in ihre Reihen aufgenommen. Welch ein Glücksgriff. Auch im Song «Hatchet» hört man Martins trotzige, jugendliche Energie, eine Extrafarbe, die dem Album sehr gut tut.
Band-Mitbegründer Daniel Keeler hatte noch etwas anderes im Hinterkopf, als ihm Holly Martins Stimme in einem Londoner Club auffiel. Er wollte seine alte Liebe zum Soul mit einbringen und Hollys rauchige Alt-Stimme passte genau. Musiker-Kollege Danny Griffith ist begeistert. «Wir haben Jahre mit dieser Musik von Otis Reding und Isaac Hayes verbracht, auch unser Debüt-Album "Londinium" war ja sehr soullastig, das wollten wir wieder aufgreifen. Und Soul ist ein großer Teil, wenn du Lovesongs schreibst», so der Musiker.
Das Album lebt von der Gruppendynamik. Jeder hat seine Ideen eingebracht und die beiden Klangzauberer Keeler und Griffiths webten den musikalischen Teppich aus psychedelischem Trip-Hop-Sound, Post-Rock, Soul-Elementen und Electronica in den passenden Farben für die zwei Sängerinnen und die beiden Sänger.
Archive lassen einen im Wechselbad der Gefühle, mal ziehen sie den liebstrunkenen Hörer wie einen Bären durch die Gefühls-Manege, mal geben sie ihm grenzenlos Hoffnung, um den Schwelgenden im nächsten Augenblick vom Thron der großen Gefühle zu stoßen. Wenn man sich bei dem britischen Kollektiv auf etwas verlassen kann, dann darauf, dass Archive beim Hörer großes Kopfkino erzeugen können. «With Us Until You're Dead» heißt das Album, was soviel heißt wie: Mit uns bis zu Deinem Tod. Gerne!
Tourneedaten: 05.09. Berlin, Tempodrom (Radio Eins) mit Orchester - 22.10. München, Muffathalle - 23.10. Karlsruhe, Substage - 24.10. Dresden, Alter Schlachthof - 29.10. Hamburg, Docks - 30.10. Berlin, Huxley?s - 01.11. Dortmund, FZW (Visions Westend) - 02.11. Darmstadt, Centralstation - 04.11. Köln, E-Werk - 05.11. Saarbrücken, Garage











