In ihrer Heimat und den USA erschien die Platte bereits im Vorjahr und räumte in den Charts ordentlich ab. Platz 3 in Neuseeland, Platz 4 in Australien und Platz 14 in der amerikanischen Billboard-Liste - nicht schlecht für das Debüt einer Sängerin, die gerade erst ihre Teenie-Zeit hinter sich hat.
Dass der Duett-Welthit «Somebody That I Used To Know» mit Wally de Backer alias Gotye ihr den einen oder anderen Käufer zugetrieben hat, darf vermutet werden, schmälert den Erfolg aber nicht. Denn das jetzt über Warner endlich auch in Deutschland erschienene «Vows» beweist, dass Kimbra Lee Johnson (22) aus Hamilton/NZ mehr als nur Video-Staffage ist. Sondern ein Riesentalent mit viel Gespür für raffinierte Songs zwischen (Elektro-)Pop, Soul und Jazz.
Schon im Vorprogramm der Gotye-Tournee scheute Kimbra nicht das Risiko, ihre Lieder nur mit Rhythmusmaschine und Stimme quasi nackt darzubieten - und scheiterte dabei teilweise äußerst charmant. Auch der Album-Opener «Settle Down» beginnt zunächst sperrig mit «Boom-boo-boom-ba»-Vocals und Stimmband-Akrobatik, ehe sich ein knackiger Groove und zu guter Letzt ein strahlender Pop-Refrain entfalten. Auf Nummer sicher geht die Dame mit diesem Einstieg schon mal nicht.
Auch danach erinnert Kimbras Mut zum Vokal-Experiment, zur stilistischen Vielfalt und zum ungewohnten Arrangement durchaus an das fantastische Album-Debüt «The Archandroid» von Janelle Monáe vor ziemlich genau zwei Jahren. Zumal die Sängerin ähnlich selbstbewusst zwölf der 13 Songs des Albums zumindest mitgeschrieben hat.
«Something In The Way You Are» ist prächtiger Neo-Soul, der Motown-Swing von «Cameo Lover» oder «Good Intent» durchflutet selbst den verregnetsten Sommer, die sehnsüchtige Ballade «Two Way Street» betört mit einem schlanken Streicher-Arrangement sowie viel elektronischem Geklöppel und Gebimmel im Hintergrund. In «Old Flame» presst Kimbra beachtliche Emotionen aus ihrer eher mädchenhaften Stimme, und in «Come Into My Head» entdeckt sie den Prince-Funk.
So ist auf jedem Track dieses erstaunlich reifen Albums viel zu entdecken - die Songs sind nicht nur kurzfristig unterhaltsam oder radiokompatibel, sondern sie funktionieren auch unter dem Kopfhörer. Beispielsweise die wunderbare Version der einst von Kimbras Idol Nina Simone gesungenen Ballade «Plain Gold Ring» - ein Cover, das sich nicht viele Debütanten zutrauen. Auch das ätherisch-verspielte, von einer Jazz-Trompete verzierte «The Build Up» nötigt Respekt ab.
Nach 55 Minuten «Vows» hat sich Kimbra ein anerkennendes «Wow!» also mehr als verdient. Wer dann noch nicht genug hat, der sollte über Import die nicht ganz billige 2011er-Originalfassung des Albums erwerben. Allein der imposante Tanzflächen-Kracher «Call Me» lohnt die zusätzliche Investition, aber auch drei weitere Songs, die auf der aktuellen europäischen CD-Version nicht vertreten sind.











